Bizarr und unvergleichlich
Chile - in einer anderen Welt
© FVA Chile/Fotograf: Norberto Seebach
Chile ist von Europa aus am último rincón del mundo - dem "letzten Winkel der Erde". Etwa 18 Stunden Flug, die Sonne mittags im Norden. Zivilisation europäischer Art gibt es fast nur in Santiago, ansonsten präsentieren sich faszinierende Landschaftsformen und wilde Natur.
Santiago zeigt sich mit höchst modernem Flughafen, geschäftigem Treiben in der City und Bankpalästen mit verglasten Fassaden. Doch schon ein paar Dutzend Kilometer außerhalb der Millionenstadt kann man den herben Charme eines bäuerlichen Pionierlandes spüren. Wendigkeit und Geduld sind hier die beste Ausrüstung für den Reisenden, aber diese lohnen - Chile hält für seine Besucher viel Ungewöhnliches bereit und glänzt mit verschiedensten Wundern der Natur.
Ungewöhnliches Land
Mit seinen 756 751 qkm ist Chile mehr als doppelt so groß wie Deutschland, wird aber von nur 15 Mio. Menschen bewohnt. Es erstreckt sich in sehr ungewöhnlicher Gestalt - als ein nur 140 km breiter, aber 4300 km langer Landstreifen von Nord nach Süd, eingeklemmt zwischen dem Pazifik im Westen und dem Andenhauptkamm im Osten. Die Klimazonen spannen sich von der Trockenwüste Atacama im Norden bis zu antarktischen Eisfeldern im Süden, von Gletschern in dünner Luft bis hin zu tropischen Oasen an der Küste - und das im Abstand von nur wenigen Autostunden. Selbst in der Südsee kann Chile noch die sturmumtoste Osterinsel mit den geheimnisvollen steinernen Zeugen polynesischer Kultur für sich beanspruchen.
Fünf geografische Regionen
Im Hohen Norden überragen Vulkane von über 6000 m Höhe eine bizarre Mondlandschaft, mit Erzen und Mineralien, Trockenwüsten, Salzseen, Geysiren und Geröllmeeren. Hier fällt weniger Regen als in der Sahara, die Tage sind unbarmherzig heiß und die Nächte bitterkalt. Nur an der unwirtlichen, nebelverhangenen Steilküste finden sich größere Städte aus der Zeit des Salpeterbooms. Doch diese Wüstenlandschaft besitzt auch einladende Oasen, wie etwa San Pedro de Atacama. Im Mittleren Norden ragen nicht minder hohe Berge empor. Die Luft ist so klar, dass rings um das La-Silla-Massiv ein Dutzend Sternwarten angesiedelt ist, von denen aus Astronomen der ganzen Welt das All beobachten. In den Flussoasen der engen Täler wird intensiv Landwirtschaft betrieben, während sich die Küstenkordillere mit sandigen Buchten zum Meer hin öffnet. In der Mitte Chiles lebt etwa die Hälfte der Bevölkerung; hier befindet sich auch die Hauptstadt Santiago. Obstgärten und die Weingüter des Landes liegen dort, genauso wie die populären Skigebiete in den Anden und die Badeorte an der Küste. Das Klima gleicht einem ewigen Frühling, die Winter sind kurz und regenreich, die Sommer lang und angenehm warm. Je weiter man Richtung Mittlerer Süden fährt, desto mehr weicht die verkarstete Landschaft lieblichen Tälern und Senken. Dunkle Wälder und schneegekrönte Vulkane spiegeln sich in glasklaren Seen. Ungestüme Wildwasser suchen sich ihren Weg zur Küste, die von weiten Meeresbuchten geprägt wird; ferner stößt man hier auf Nutzforste und Viehweiden. Im Tiefen Süden bricht der Hauptkamm der Kordillere unmittelbar in den Ozean ab; eine wilde und unbezwungene Landschaft von Fjorden und Inseln, Gletschern und Gebirgen erschwert das Fortkommen. Im südlichsten Teil der Region befindet sich das so gut wie unbewohnte Feuerland, das sich Chile und Argentinien je zur Hälfte teilen. Hier tut sich auch der von Nebelbänken verhüllte "Eingang zur Hölle" auf, den die Kap-Hoorn-Segler so fürchteten.
Lange Zeit unentdeckt
Chile blieb bis ins 19. Jh. hinein fast unbesiedelt, von einigen vorkolumbischen Kulturen in Nordchile abgesehen. Da der unwirtliche Außenposten an der nebelverhangenen Südküste nicht mit einem "Eldorado" lockte, wurden unter spanischer Herrschaft lediglich einige Forts errichtet, damit der Seeweg um Kap Hoorn offen blieb. Kaum mehr als ein Jahrhundert später, im Jahre 1818, gelang schließlich die Befreiung von den Europäern. In Folge dessen schwang sich Bernardo O'Higgins zum Alleinherrscher auf - und geriet bald in Konflikt mit dem Landadel. Mit einer Militärrevolte setzte eine unruhige Herrschaftsperiode wechselnder caudillos (Führer) ein. Erst ab Mitte des 19. Jh. wuchs Chile als Nationalstaat zusammen und dehnte sich aus. Vor allem die Salpeterminen im Hohen Norden und das Gebiet an der Magellan-Straße im Süden wurden zum Ziel zahlreicher Siedler.
Kupfer, Erdbeeren und Lachse
Das Andenland ist der weltweit größte Exporteur von Kupfer, fast die Hälfte aller Einnahmen aus dem Außenhandel gehen auf dieses Metall zurück; China, Japan und die asiatischen Tigerstaaten gelten als Hauptabnehmer. Überhaupt treibt Chile mehr Handel mit Asien als mit Nordamerika oder Europa. Die Abhängigkeit Chiles vom Erz-Export der staatlichen Kupferminen hat in der Vergangenheit immer wieder zu Krisen geführt. Seit den Wirtschaftsreformen der 80er Jahre, der Privatisierung der Staatsbetriebe und der Öffnung der Märkte, hat sich das Blatt allerdings gewendet. Chiles Land- und Forstwirtschaft floriert: Erdbeeren, Pfirsiche und Nüsse gehen aus dem Südsommer per Luftfracht auf die Wintermärkte der Nordhalbkugel. Obwohl an der Pazifikküste ursprünglich gar nicht zu Hause, werden in Chile inzwischen halb so viele Lachse wie in Norwegen gezüchtet und exportiert.
Kein Widerspruch: Touristenfreundlich und abenteuerlich
Das touristische Netz ist zwar nicht mit Europa zu vergleichen, dennoch finden sich in allen Regionen moderne Hotels und freundliche Restaurants. Der Individualreisende wird hier noch als hoch geschätzter Besucher betrachtet, selbst wer der Landessprache nicht mächtig ist, wird sich mit Englisch oder Deutsch durchschlagen können. Eine Reise ins Land am Ende der Welt bleibt trotzdem immer noch ein Abenteuer, wenn auch ein kalkulierbares. Wer die ungezähmte Natur liebt und dafür auch ein paar Schweißtropfen vergießen will, wer Stille und Einsamkeit sucht, wer gern wandert, angelt, Ski fährt oder klettert, der wird von Chile schwärmen.