Samba de Janeiro
In Rio bestimmt der Tanz das Leben
Der Strand von Rio de Janeiro
Den Brasilianern liegt der Samba bekanntlich im Blut, das merkt man in Rio ganz besonders. Dort stärkt der Tanz sogar das Sozialgefüge in den Armenvierteln.
Die Füße berühren kaum noch den Boden. Immer schneller bewegen sich die Tänzer, wirbeln wie in einem Boxkampf einander entgegen, angetrieben von Dutzenden von Trommlern, der so genannten Bateria. Die Zuschauer lassen sich vom Rhythmus mitziehen. Es ist Freitagnacht gegen zwei Uhr, und in der Samba-Schule von Mangueira, einer der Favelas von Rio de Janeiro, vereinen sich die Besucher plötzlich zu einer einzigen wogenden Masse. Noch ist kein Karneval, aber der Samba ist in der Metropole stets gegenwärtig.
Ende August beginnt die heiße Phase der Proben in den wichtigsten Sambaschulen Rios, die bei der großen Parade im eigens angelegten Sambodromo im Zentrum der Stadt jedes Jahr um den Sieg tanzen. Über Stunden wird das für die Karnevalssaison ausgewählte Lied von der Bateria und einer kleinen Band gespielt. Die Musik betäubt die Ohren und versetzt, begleitet von jeder Menge Bier und Caipirinha, schnell in eine Art Trance, die Tänzer und Musiker Erschöpfung und den oft von Not und Gewalt geprägten Alltag in den Favelas vergessen lassen.
Touren durch die Favelas
Die Armenviertel sind selbst für die Urlauber nicht zu übersehen, die ihre Zeit weitgehend in den schicken Hotels, Bars und Geschäften von Copacabana, Leblon und vor allem Ipanema verbringen - wo die Oberschicht der knapp sechs Millionen Cariocas, wie sich die Bewohner Rios selber nennen, lebt. Doch fast an jeder der zahlreichen Anhöhen der Stadt sind die winzigen Häuser der illegal errichteten Siedlungen wie Schuhschachteln übereinander gestapelt.
Rhythmus im Blut: Samba allüberall
Einige Tourveranstalter haben sich mittlerweile die Neugier vieler Besucher zu Nutzen gemacht und bieten organisierte Touren in die Favelas an. Was für manchen zunächst nach voyeuristischem Elendstourismus aussieht, wird vor allem von den in vielen Favelas existierenden Sozialprojekten durchaus begrüßt. "Es ist gut, wenn die Leute hierher kommen und sehen, was wir machen", sagt Anna Lucia, die im Sozialzentrum von Mangueira arbeitet. Eine wichtige Aufgabe im Sozialgefüge der Favelas haben die Samba-Schulen. Im Probengebäude herrscht auch außerhalb der heißen Karnevalsphase reger Betrieb. Gegen einen Eintritt von wenigen Euros können sich Urlauber bei den Proben einen Vorgeschmack auf den Karneval holen. Adressen gibt es zum Beispiel beim Fremdenverkehrsbüro Riotur. Aus Sicherheitsgründen sollten Touristen dort jedoch nur in Gruppen oder zumindest mit einheimischer Begleitung hingehen.
Selbst beim Ausgehen in den besseren Vierteln gilt jedoch, sich zur eigenen Sicherheit von einem Taxi direkt vor dem Club absetzen und auch wieder abholen zu lassen und bis auf das benötigte Bargeld besser keine Wertsachen mit sich zu nehmen. Wer sich an solche Regeln hält, hat nach Ansicht der Cariocas nicht allzuviel zu befürchten.
"Die schönste Stadt der Welt"
"Kriminalität gibt es woanders auch", sagt der aus Deutschland stammende Unternehmer Hans Stern, der von Rio aus ein weltweites Schmuckimperium aufbaute. "Für mich ist Rio die schönste Stadt der Welt - mit allen negativen Aspekten", erzählt der 81-Jährige. Angetan haben es ihm besonders die Strände, die Frauen und die Natur, wie etwa der Tijuca-Nationalpark, ein tropischer Urwald mitten in der Stadt. Einzig dem berühmtesten Wahrzeichen der Stadt, dem Zuckerhut, kann er wenig abgewinnen: "Zu voll, zu windig oder zu sonnig."
Sterns bevorzugter Platz am Meer ist der Strand von Ipanema - eine Vorliebe, die er mit vielen Cariocas und Touristen teilt. Wie die benachbarte Copacabana zählt Ipanema noch immer zu den berühmtesten Stränden der Welt, nicht zuletzt dank Antonio Carlos Jobims berühmten Song "Garota d'Ipanema". Die Bar, von der aus Jobim Tag für Tag das "Mädchen von Ipanema" sah, trägt inzwischen den gleichen Namen wie das Lied und ist ein Wallfahrtsort für Musikfans.
Tanz am Strand
"Der Strand ist in Rio etwas sehr Demokratisches", sagt Fremdenführerin Paula. Hier werden keine Unterschiede gemacht zwischen Schwarz und Weiß oder zwischen den Bewohnern der luxuriösen Apartmenttürme direkt am Meer und den Menschen aus den Favelas. Die insgesamt 90 Kilometer langen Strände sind Erholungsort für alle und gleichzeitig ein großes Freilufttheater.
Am Wachposten bei Kilometer fünf treffen sich regelmäßig berühmte Fußballspieler zu einem kleinen Match. Während die Zuschauer noch die Kunststücke der kleinen und großen Kicker beklatschen, ertönen etwas entfernt schon wieder Sambaklänge. Ein bunt geschmückter Lastwagen rollt langsam die Küstenstraße Avenida Atlantica entlang, beladen mit Lautsprechern und einigen Tänzerinnen. Und ob man will oder nicht, beginnen plötzlich die Füße zu wippen.
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Fotos: dpa
dpa, 1. Oktober 2004