Entdecken Sie Los Angeles!
Willkommen in der Stadt der »Rich and Famous«, die weit mehr zu bieten hat als nur Hollywood und Disneyland
Wenn die Sonne das Meer in gleißendes Mittagslicht taucht und die Wellen wie Silberzungen am Himmel zu lecken scheinen, das Cabrio über den Pacific Coast Highway nach Malibu schnurrt, der Wind sich in den Haaren fängt und das Radio Smooth-Jazz spielt, kennt die gute Laune keine Grenzen. Man sucht sich ein Plätzchen am Strand, lässt den Blick schweifen und freut sich mit den Delphinen, die zum Greifen nah ihre Kapriolen schlagen. Wer mit offenen Augen durch L. A. geht, wird viele solcher magischen Momente erleben. Der Zauber dieser Stadt liegt in ihrem Facettenreichtum. Hier gibt's die wildesten Diskos mit den schönsten Menschen; Weltstars, die die gleichen Restaurants besuchen wie jeder andere auch, erstklassige Museen, klassische Konzerte, Jazzclubs und eine lebendige Theaterszene; luxuriöse Hotellobbys, haarsträubende Achterbahnen, noble Einkaufszentren, heiße Quellen zum Entspannen, 176 Universitäten und Colleges und natürlich Mickey Mouse. L. A. kann stolz sein auf Supermärkte, die rund im die Uhr geöffnet haben, auf die größten Plakatwände und das längste Sandwich. Es ist bekannt für Erdbeben, Trockenheiten, Schlammlawinen, Feuersbrünste, El Niño und fast das ganze Jahr über Sonnenschein. Wer mag, kann morgens im Pazifik surfen, mittags in den Bergen Ski laufen und abends in der Wüste den Sternenhimmel bewundern.
Wie jedes irdische Paradies hat auch dieses eine andere, weniger strahlende Seite. Die Journalistin Dorothy Parker schrieb einst: »Los Angeles besteht aus lauter Vororten, die verzweifelt auf der Suche nach einer Stadt sind.« L. A. ist wie der Turm zu Babel, der nicht in die Höhe, sondern in die Breite gewachsen ist. Beim Landeanflug auf den Flughafen LAX zeigt sich ein Flickenteppich von flachen Häusern, eins brav neben dem anderen, mit ein bisschen Grün drumrum, soweit das Auge blick - hin und wieder unterbrochen von türkisfarbenen Flecken, den Swimmingpools. Von zwei Seiten durch Bergketten und im Westen vom Pazifischen Ozean begrenzt, bildet L. A. ein Patchwork von 88 integrierten Städten und vielen Vororten auf einer Fläche von ca. 10 500 km2 mit rund 9,8 Mio. Einwohnern. Die Zahl variiert je nach Quelle, ein Meldesystem gibt es nicht.
Erschwerend hinzu kommt der tägliche Zuwandererfluss von Illegalen, vor allem aus dem nahen Mexiko. Die Stadt in den Griff zu bekommen ist daher so aussichtslos wie der Spaziergang auf einer Wolke. Doch zu Fuß ist man sowieso verloren. Es gibt zwar ein gutes, preiswertes Busnetz, doch mit der Einhaltung des Fahrplans hapert es. Kein Wunder, denn das immense Verkehrsaufkommen ist unberechenbar. Angelenos fragen nie, wie weit etwas entfernt ist, sondern immer, wie lange es dauert, dort hinzukommen. Entlastung für über 34 000 Pendler täglich aus den umliegenden Counties bringt der Metrorail, der seit 1992 sein Streckennetz immer weiter ausdehnt. Diese positive Entwicklung, wie auch der Bau der Subway, ist ein zaghafter Schritt zurück. Schon einmal, Anfang des 20. Jhs., gab es ein gutes öffentliches Verkehrsnetz, die Red Cars der Pacific Electric Railway Company. Sie verkehrten auf 1600 km Schienen zwischen L. A., Pasadena und Santa Monica. Und in Downtown L. A. fuhren die Yellow Cars. Der Automobilboom der 1930er- und 40er-Jahren, der Bau der ersten Freeways und die Interessengruppen der Automobilindustrie machten dem öffentlichen Nahverkehr 1963 den Garaus. Seitdem gehört traffic jam (Verkehrschaos) zum Sprachgebrauch.
Auch L. A. hat klein angefangen: mit 44 Siedlern - Indianer, Mestizen, Schwarze und zwei Spanier. Am 4. September 1781 rief der spanische Gouverneur Felipe de Neve in der Bay of Smoke, wie der erste Weiße das Tal nannte, El Pueblo de Nuestra Señora la Reina des Los Angeles del Río de Porciuncula (The Town of Our Lady the Queen of the Angels by the Porciuncula River) aus. Der Rauch kam von den Feuern der Chumash-Indianer, die das Land lange vorher besiedelt hatten. Der historische Distrikt Pueblo de Los Angeles in Downtown existiert heute noch, nicht weit von der Olvera Street, als touristischer Mittelpunkt der Stadt: ein mexikanischer Marktplatz mitten in L. A., wo Mariachi-Musikanten durch die Restaurants ziehen und der Duft von frischen Tortillas die Nase kitzelt.
L. A. war und ist ein Magnet für alle, die nach Gelegenheiten suchen, Geld zu machen, oder die auf der Flucht vor politischer Verfolgung ein neues Zuhause suchen. Und so brodelt in diesem Multimillionenkessel eine ethnische Vielfalt, die ihresgleichen sucht. Heute leben hier Einwanderer aus 140 Ländern, die 96 verschiedene Sprachen sprechen.
Dominiert von Wolkenkratzern, die wie ein Bund Spargel aus der Landschaft ragen, gleicht Downtown abends und an Wochenenden einer Geisterstadt. Auch in Chinatown und Little Tokyo mit seinen preiswerten, guten Sushi-Bars werden die Bürgersteige früh hochgeklappt. Gegessen wird meist vor 20 Uhr. Einzig das Music Center, das im Herbst 2003 mit der neuen Walt Disney Concert Hall eine architektonische Bereicherung erhielt, erwacht nach den Vorstellungen gegen 22 Uhr für kurze Zeit zum Leben. Nachteulen kommen in Hollywood und auf dem Sunset Strip in West Hollywood auf ihre Kosten.
Die »Grande Dame« ist Beverly Hills. Hier wird die vom Chirurgen geschönte Nase besonders hoch getragen. Die Straßen mit den riesigen Anwesen, wo neben dem Pool auch der Tennisplatz nicht fehlt, wirken vornehm reserviert. Natürlich sollte man den weltberühmten Rodeo Drive besuchen, wo sich eine Designerboutique an die andere reiht. In den Bürohäusern auf dem Wilshire Boulevard und in den umliegenden Cafés und Restaurants machen Agenten Millionen-Deals für Brad Pitt & Co., doch der wahre Hauptdarsteller hier ist das Handy.
Alle großen Boulevards führen ans Meer: Sunset, San Vicente, Wilshire, Santa Monica, Olympic, Pico, Venice und Washington Boulevard. Auf dem Boardwalk in Venice werden T-Shirts und Designersonnenbrillen zu Dumpingpreisen angeboten, das bunte Treiben der Straßenkünstler sorgt für Unterhaltung, und die Wahrsagerin verspricht für ein paar Dollar eine rosige Zukunft. Santa Monica, einst verschlafenes Strandnest für Intellektuelle und politisch Engagierte hat sich in ein teures Wohnpflaster verwandelt. Baby Boomer, Filmleute und Agenturen haben die Hauspreise in schwindelnde Höhen getrieben. Hier sieht man mehr BMWs als in München. Main Street, Montana Avenue und Third Street Promenade locken mit Läden und Restaurants. Der Strand kann auf Rollerblades und Fahrrädern erkundet werden. Am Santa Monica Pier, einem fröhlichen Jahrmarkt, dreht sich das Riesenrad, das weite Ausblicke übers Meer bietet.
Wer's nicht weiß, übersieht glatt, dass Malibu die Strandkolonie der Rich and Famous ist. Deren Anwesen verstecken sich hinter hohen Mauern oder dichtem Grün. Eine Fahrt durch den kurvigen Topanga Canyon nebenan ist wie ein Besuch in der Vergangenheit. Vor dem General Store parken die Pickups, im Winter werden Gummistiefel getragen, im Sommer Gummilatschen. Die Anwohner sind der Natur ausgeliefert, den Buschbränden wie den Schlammlawinen, die immer wieder große Schäden anrichten. Doch niemand denkt auch nur im Traum daran wegzuziehen.
In der City of Angels ist alles phantastischer, kreativer und größer; sie hat sich ihre eigenen Dimensionen geschaffen. Davon zeugen auch die Kreationen der Stararchitekten, die ihre Bauwerke wie Schmuckstücke in die Landschaft gesetzt haben. Wie das Getty Center von Richard Meier und die Walt Disney Concert Hall von Frank O. Gehry, das Hollyhock House von Frank Llyod Wright und das Gamble House der Gebrüder Greene. In den berühmten Krankenhäusern wie dem Cedars-Sinai in Beverly Hills oder dem UCLA Medical Center in Westwood werden medizinische Wunder vollbracht - nicht nur beim Facelifting.
Ein paar Mal ist die Stadt der Superlative knapp am Untergang vorbeigeschlittert. Nach dem Goldrausch wäre sie wegen der extremen Klimaverhältnisse beinahe wieder vom Erdboden verschwunden. Erst mit der Southern Pacific Railroad von San Francisco und später der Santa-Fé-Eisenbahnlinie, die Los Angeles mit Chicago verband, ging's Ende des 18. Jhs. wieder aufwärts. Die Zitrusfarmer fanden neue Absatzmärkte, und obendrein wurde Öl entdeckt. Vom schwarzen Gold werden noch heute täglich etwa 150 000 t in der Stadt gefördert. Zu Beginn des 20. Jhs. hatte sich das Blatt für die junge Stadt endgültig gewendet. Während sich in Europa der Erste Weltkrieg ankündigte, gründete der Schwabe Carl Laemmle eines der ersten Filmstudios, die Universal Studios. Weitere folgten, denn auf die Sonne war Verlass: Außenaufnahmen waren kostengünstiger als Studioproduktionen. Noch heute stolpert man fast täglich über Straßensperren, hinter denen eine TV-Serie, ein Werbespot oder eine Filmszene gedreht wird.
Einen Dämpfer erhielt das pulsierende Leben mit der Prohibition, die 1917 bis 1934 den Ausschank von Alkohol verbot. Der Zweite Weltkrieg jedoch brachte wirtschaftlichen Aufschwung für die Rüstungsindustrie. In den 1990er-Jahren folgte erneut ein Rückschlag: Die Stadt wurde von riots, Straßenkämpfen, in den von African Americans bewohnten Stadtteilen, von Erdbeben und der Schließung vieler Militärstützpunkte in die Rezession getrieben. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sich auch die Filmindustrie noch woanders niedergelassen hätte. Die wirtschaftliche Unsicherheit hängt wie ein Damoklesschwert über der Stadt. Nur auf eins kann man sich in L. A. immer verlassen - auf den strahlend blauen Himmel und den Sonnenschein.